Aus dem Journal

Kaiyuan-Tempel: Jenseits von Quanzhous Zwillingspagoden

Von den beiden Steinpagoden führt der Blick zu wiederverwendeten hinduistischen Reliefs und den genutzten Räumen von Quanzhous großem buddhistischem Tempel.

In derselben Stadt · Quanzhou ↗

Von der Silhouette zum Hof

Die Zwillingspagoden geben dem Kaiyuan-Tempel einen unverwechselbaren Umriss. Aus der Ferne scheinen ihre übereinanderliegenden Geschosse den Himmel über Quanzhous alten Straßen zu gliedern. Näher betrachtet verändert sich das Bild: Die Türme gehören zu einem Komplex aus Hallen und Höfen, und die Aufmerksamkeit kann von einer ganzen Silhouette zum Schnitt einer einzelnen Steinfigur wandern.

Der 686 gegründete Kaiyuan-Tempel wurde in aufeinanderfolgenden Epochen erweitert und erneuert. Seine Geschichte reicht weiter zurück als die Seehandelszeit der Song- und Yuan-Dynastien, für die Quanzhous Welterbe ausgezeichnet wurde. Das ist beim Rundblick wichtig. Hier kommen verschiedene Jahrhunderte in einem weiterhin genutzten religiösen Komplex zusammen. Gründung, Steintürme, Hallenanordnung und wiederverwendete Materialien müssen nicht dasselbe Datum tragen, um zum selben Tempel zu gehören.

Zwei Steinpagoden stehen zwischen Bäumen neben einer dicht bebauten Stadtstraße.
Die steinernen Zwillingspagoden des Kaiyuan-Tempels erheben sich im warmen Licht der tief stehenden Sonne über Quanzhou.

Stein kann nachahmen, tragen und erzählen

In den beiden großen Pagoden leistet Stein mehr, als Gewicht zu tragen. Ihre gestuften Formen erinnern an die Formensprache der Holzarchitektur: waagerechte Gliederungen, vorkragende Ränder und wiederholte Stufen nach oben. Von unten macht diese Wiederholung die Höhe verständlich. Der Bau ist monumental und setzt sich zugleich aus Teilen zusammen, denen das Auge folgen kann.

Aus der Nähe wird eine andere Größenordnung der Arbeit sichtbar. Steinmetzkunst verwandelt Bauflächen in Orte für Figuren und Geschichten. Es lohnt sich, bei einem gut zugänglichen Detail zu verweilen, statt jedes Bild bestimmen zu wollen. Das Verhältnis einer geschnitzten Figur zu ihrem architektonischen Rahmen kann ebenso aufschlussreich sein wie ihr Name. Besetzt sie ein Bildfeld, trägt sie eine Kante oder lenkt sie den Blick um eine Ecke? Die Architektur gibt dem Bild eine Aufgabe, und das Bild verändert die Wahrnehmung der Architektur.

Verwitterte Figuren und Tiere, über einem Band aus Lotusblättern in Stein gehauen.
Steinreliefs am Sockel des Kaiyuan-Tempels.

Ein hinduistisches Relief im buddhistischen Umfeld

Zu Kaiyuans auffälligsten Details gehören hinduistische Architekturelemente, die im buddhistischen Komplex wiederverwendet wurden. Reliefsäulen stehen im rückwärtigen Gang der Haupthalle; auch ihr Sockel enthält wiederverwendete Reliefs. Die städtische Kulturerbevermittlung verbindet diese Elemente mit abgetragenen hinduistischen Bauten und späteren Umbauten in Kaiyuan. Sie sind materielle Reisende innerhalb der Stadt.

Wiederverwendung verlangt zwei Blickrichtungen zugleich. Zunächst zählt der heutige Standort: Das Objekt gehört zum Tempel, dem man jetzt begegnet. Dann kommt seine frühere Aufgabe in den Blick, als der behauene Stein Teil eines anderen Sakralbaus war. Der veränderte Kontext gehört zur Geschichte; er ist kein störender Umstand, den man ausblenden müsste. Er zeigt, wie kostbare, meisterhaft ausgeführte Steinarbeit einen Wandel der Institutionen um sie herum überdauern konnte. Die Säulen bleiben mit hinduistischer Bildwelt verbunden und wirken zugleich im Gefüge eines buddhistischen Tempels mit.

Der Hof gehört mit ins Bild

Die Faszination eines ungewöhnlichen Reliefs kann den Blick zu stark verengen. Kaiyuan ist auch ein Ort buddhistischer Andacht mit fortlaufendem religiösem Kalender und einer Gemeinschaft. Raum für Gläubige, die Anordnung der Zugänge und das Verhältnis von offenem Hof und geschlossener Halle prägen sein Leben. Die Steindetails entfalten am meisten Bedeutung, wenn sie in diesem größeren Zusammenhang bleiben.

Ein lohnender Weg beginnt bei den Türmen, führt zu den Hallen und lässt schließlich Zeit für ein kleines behauenes Element. Mit jedem Schritt verändert sich, was beeindruckt: zunächst Höhe, dann Ordnung, schließlich die Entscheidungen eines Handwerkers. Die kulturübergreifende Geschichte des Tempels erschließt sich in diesem Wechsel der Maßstäbe. Zwei Säulen können ferne Verbindungen in Erinnerung tragen, während der Hof um sie herum weiterhin der Gegenwart dient. Beides gehört in denselben Blick.

Eine breite ziegelgedeckte Halle blickt auf einen gepflasterten Hof unter belaubten Bäumen.
Haupthalle und Vorhof des Kaiyuan-Tempels.
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Bildquellen und Bildrechte
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