Aus dem Journal

Die Tholing-Handschrift und die Geschichte tibetischer Herrschaft

Eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert, die 2012 nahe Tholing gefunden wurde, erzählt von tibetischem Königtum und Herrschern statt von der Geschichte des Buddhismus.

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Die roten Klostergebäude von Tholing unter den trockenen Felsen des Sutlej-Tals.
Der Rote Tempel von Tholing steht unter den trockenen Felsen des Sutlej-Tals. Die Außenansicht zeigt den Klosterort, an dem das im Artikel behandelte Manuskript und die Kunst verankert sind.

Eine nahe dem Kloster gefundene Königschronik

2012 wurde nahe dem Kloster Tholing eine tibetische historische Handschrift aus dem 12. Jahrhundert entdeckt. David Pritzkers Textstudie hebt hervor, dass sich ihr Schwerpunkt von vielen Geschichtswerken der Zeit unterscheidet: Sie behandelt Königtum und die Geschichte tibetischer Herrscher, nicht vorrangig die Geschichte des Buddhismus in Tibet. Das gibt der Handschrift einen eigenen Platz unter den historischen Quellen der Region. In einer Landschaft, die oft über Klöster und buddhistische Kunst vorgestellt wird, bewahrt sie eine politische Erzählung.

Den Text anhand seiner Merkmale lesen

Pritzker untersucht die archaische Schrift, den Einband, die Rechtschreibung, den Wortschatz, die Prosa und Wendungen der Erzählung. Das ist keine äußere Verpackung, sondern Teil der Hinweise, mit denen die Handschrift von religiösen Geschichtswerken, den sogenannten Chöchung, unterschieden wird. Der Unterschied betrifft Thema und Gattung und bedeutet nicht, dass Politik und Religion im damaligen Leben getrennt waren. Die Handschrift stellt Herrscher und Regierung in den Mittelpunkt und zeigt, wie im 12. Jahrhundert tibetische politische Geschichte niedergeschrieben wurde.

Geschriebene Geschichte und Klostermalereien

Die Wandmalereien des Weißen Tempels von Tholing entstanden mehrere Jahrhunderte nach der Handschrift. Ein regionaler Bericht von 2017 ordnet sie allgemein dem 15. und 16. Jahrhundert zu. Sie sind keine Aufzeichnungen desselben Ereignisses oder derselben Zeit. Ihr Nebeneinander zeigt vielmehr, wie ein Ort Vergangenheit durch verschiedene Medien bewahrt: historische Erzählungen werden durch Schrift und Material überliefert, während Malereien Teil eines religiösen Innenraums bleiben. Jede Quelle verlangt eigene Belege und Interpretationsweisen.

Wandmalerei der Prajñāpāramitā im Weißen Tempel von Tholing
Wandmalerei der Prajñāpāramitā im Weißen Tempel von Tholing; laut Wikimedia-Commons-Datei stammt sie aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Was eine genaue Lektüre ermöglicht

Die nahe dem Kloster gefundene Handschrift und die Malereien in seinem Inneren sind keine transparenten Fenster zur Vergangenheit. Pritzkers Studie zeigt, wie Schrift, Wortschatz und Erzählweise den Tholing-Text von bekannteren buddhistischen Geschichtswerken unterscheiden. Der Bericht der Kulturbehörde gibt den Malereien des Weißen Tempels ihren kunsthistorischen Rahmen. Werden die Quellen getrennt gelesen, lässt sich die Geschichte Westtibets sowohl über politische Texte als auch über religiöse Kunst untersuchen, ohne beide in eine einzige Geschichte kultureller Bewegung zu pressen.

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Bildquellen und Bildrechte
  1. Der Rote Tempel von Tholing steht unter den trockenen Felsen des Sutlej-Tals. Die Außenansicht zeigt den Klosterort, an dem das im Artikel behandelte Manuskript und die Kunst verankert sind.Dieter Schuh · CC BY 3.0 Quelle des Fotos ↗ Rechteinformationen ↗
  2. Wandmalerei der Prajñāpāramitā im Weißen Tempel von Tholing; laut Wikimedia-Commons-Datei stammt sie aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.Anonymous Unknown author · Public domain (Commons PD-Art; PDM 1.0) Quelle des Fotos ↗ Rechteinformationen ↗