Aus dem Journal

Der Yuyuan-Garten: Eine Landschaft aus Blickrahmen

Im Yuyuan kann eine Mauer, ein Fels, eine Brücke oder ein Pavillon einen kleinen Raum in eine Folge größer wirkender, vorgestellter Szenen verwandeln. Die Bewegung wird Teil des Blicks.

In derselben Stadt · Shanghai ↗

Ein Garten für eine Familie

Der Yuyuan entstand während der Ming-Dynastie als Privatgarten von Pan Yunduan, einem Beamten, der seinen Eltern einen Ort der Erholung schaffen wollte. Diese Absicht klingt im Namen an: Yu bedeutet Frieden und Wohlbefinden, und der Name des Gartens wird mit Freude für ältere Menschen verbunden. Seit seiner Anlage im Jahr 1559 war er weder als öffentlicher Park noch als Weg durch die Stadt gedacht. Seine Räume, Terrassen und Pfade gehörten zu einem familiären Rückzugsort, an dem Architektur und bepflanztes Gelände einen langsameren Rhythmus vorgaben.

Der ursprüngliche Zweck erklärt, warum sich der Garten eher durch einzelne Begegnungen als durch weite Panoramen erschließt. Auf rund zwei Hektar vereinen seine sechs Landschaftsbereiche mehr als vierzig historische Bauten zwischen Pavillons, Felsgärten, Teichen, Brücken und Mauern. Die Anlage ist keine Wildnis. Sie ist eine bewusst gestaltete Landschaft, in der Gebäude und natürliche Formen so angeordnet sind, dass sie eine Welt jenseits der kompakten Gartengrenzen andeuten.

Eine Wendung verändert den Maßstab

In einem klassischen Garten der Jiangnan-Region muss ein Weg nicht alles auf einmal freigeben. Eine Mauer kann den nächsten Hof verbergen; eine Türöffnung kann den Blick auf einen Baum oder eine Dachlinie beschränken; eine Brücke kann Besucher auf einen Pavillon jenseits des Wassers ausrichten. Im Yuyuan lädt die Folge aus Wendungen, Schwellen und gerahmten Öffnungen dazu ein, den Garten Stück für Stück mit dem Auge zusammenzusetzen. Der Effekt wird bisweilen als Vorstellung des Großen im Kleinen beschrieben: Der begrenzte Raum gibt dem Geist Gelegenheit, das zu ergänzen, was sich nicht auf einmal sehen lässt.

Felsen und Wasser ergänzen einander in dieser Komposition. Ein Felsgarten erhebt sich wie ein Miniaturgebirge, während ein Teich am Boden ein Stück Himmel öffnet. Pavillons bieten Haltepunkte, von denen aus sich diese Elemente aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten lassen. Keines davon muss eine ganze Landschaft buchstäblich nachbilden. Schon ihre Anordnung lässt einen Hof mit Bergen, Bächen oder einer fernen Aussicht verbunden erscheinen. Die Gartenarchitektur lenkt also die Aufmerksamkeit ebenso, wie sie Menschen Schutz bietet.

Yuyuan-Garten — Teich, Felsen und gerahmte Gartenblicke
Yuyuan-Garten — Teich, Felsen und gerahmte Gartenblicke

Der Garten neben dem Markt

Außerhalb der Mauern des Yuyuan setzt sich Shanghais Altstadt im Gebiet des Stadtgott-Tempels und den umliegenden Geschäftsstraßen fort. Garten, Tempel und Handelsviertel liegen nah beieinander, sind aber unterschiedliche Orte mit unterschiedlichen Aufgaben. Aus dieser Nähe entsteht ein besonderer Übergangsrhythmus: Man geht von belebten Straßen in einen Raum, in dem Mauern, Wasser und Pavillons den Blick verlangsamen, und kehrt anschließend in das öffentliche Leben der Stadt zurück.

Die Gestaltung des Yuyuan lässt sich als Gespräch zwischen Begrenzung und Offenheit lesen. Eine Galerie schützt den Durchgang; ein Tor lenkt den Blick; ein Teich lässt den Himmel wieder in die Szene eintreten. Es sind kleine architektonische Entscheidungen, die jedoch verändern, wie sich der Körper bewegt und was das Auge wahrnimmt. Statt eines alles beherrschenden Panoramas bietet der Garten eine Folge sorgfältig begrenzter Ansichten. Seine kompakte Größe ist keine Schwäche, die verborgen werden müsste. Gerade sie sorgt dafür, dass jede Wendung zählt.

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Bildquellen und Bildrechte
  1. Yuyuan-Garten — Teich, Felsen und gerahmte GartenblickeMeet in Shanghai; photographer not specified · Nutzungsrechte nicht angegeben Quelle des Fotos ↗ Rechteinformationen ↗ Verkleinert und ohne Beschnitt in WebP umgewandelt. Animierte Originale werden als Standbild gezeigt.